Die unglaubliche Internet-Inkompetenz der Polizei

Angeblich wollten Ermittler auf dem Computer des Amokläufers Tim K. aus Winnenden neben Pornografie und Killer-Spielen auch Beweise dafür gefunden haben, dass der 17-Jährige seinen Amoklauf in einem Internet-Chat angekündigt hatte:

„Am Mittwochabend meldete sich der Vater eines 17-Jährigen aus Bayern und berichtete über einen Internet-Chat, den sein Sohn in der Nacht zuvor geführt habe. Der Sohn hatte sich nach der Medienberichterstattung über diese Tat in Winnenden an seinen Vater gewandt, und demnach war im Chatroom eines Internet-Portals in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch gegen 2.45 Uhr kurz vor der Tathandlung folgender Eintrag eingestellt worden: …“ (Quelle: Spiegel )

Davon abgesehen, dass es sich bei dem Internet-Chat um einen vermutlich gefälschten Forum-Beitrag handelt, frage ich mich, wie die Beweise aussehen sollen, die die gnädigerweise ungenannt gebliebenen Ermittler gefunden haben wollten. In webbasierten Chats oder Foren wird auf dem Rechner ja in der Regel kein Protokoll abgelegt, höchstens ein Cookie. Aber das würde auch nur belegen, dass Amokläufer Tim K. die fragliche Seite angesurft hat – aber nicht, ob er dort auch einen Beitrag verfasst hat, geschweige denn welchen.

Nichtsdestotrotz sucht die Polizei weiterhin nach einem Laptop oder einem anderen Rechner, von dem aus Massenmörder Tim K. seine Vorab-Information abgesetzt haben könnte: „Möglicherweise habe Tim K. die angebliche Androhung auf einem anderen PC geschrieben. ‚Ob der Täter einen Laptop hatte, wissen wir noch nicht.'“ (Quelle: Spiegel )

Sofern auf dem gesuchten Laptop oder PC weder Keylogger noch Schäubles Bundestrojaner installiert sind, geht die Jagd danach sicher aus wie das Hornberger Schießen. In diesem Sinne: Waidmanns Heil!

4 Gedanken zu „Die unglaubliche Internet-Inkompetenz der Polizei“

  1. Bedenklich finde ich, dass jetzt versucht wird um Himmels Willen zu beweisen, dass es diesen Chat doch gab. Dabei geht es letztlich nur darum eine vermutliche (peinliche) Ermittlungspanne zu kaschieren. Angesichts der schrecklichen Umstände frage ich mich, welchen Unterschied es nun macht, ob ein paar Stunden vorher eine Ankündigung erfolgte oder nicht. Die Ermordeten werden dadurch auch nicht mehr lebendig.

  2. Ich hätte nichts dagegen, wenn Chat- und Foren-Trolls demnächst sofort per Knopfdruck an die Polizei gemeldet werden können. Schafft sicher tausende neuer Arbeitsplätze. Ich frage mich aber auch, nach welchen Beweisen man konkret sucht und wem das jetzt noch was nutzt.

  3. Es darf doch nicht so schwer für die Polizei sein zu prüfen ob die Chat-Protokolle echt sind oder nicht. Jeder zweitrangige Computertechniker kann doch nachweisen wann eine Datei und von wo aus geschrieben ist.

    #WUAF

  4. @WUAF:

    Das rauszukriegen ist grundsätzlich natürlich kein Problem. Im vorliegenden Fall ist die .net-Domain anonym über Godaddy registriert (Godaddy kennt natürlich die Whois-Daten, sofern sie nicht gefaket sind – über irgendeine Kreditkarte muss die Domain aber abgerechnet werden). Es werden zwar die Nameserver von Godaddy verwendet. Der DNS A Record verweist aber auf einen anderen Hoster in Florida. Sofern sich also die Betreiber des Chat-Dienstes nicht von sich aus gegenüber den Ermittlern offenbahren (was in diesem Fall dringend zu empfehlen wäre), braucht man erstmal ein Rechtshilfeersuchen. Und ob man dann noch auf dem Server in Florida die entsprechenden Logfiles findet, ist eine ganz andere Frage. Hoffen wir es mal.

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