Kommt ein Politiker zum Doktor…

Ich habe nichts gegen Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg. Von mir aus kann der bis in alle Ewigkeiten Verteidigungsminister bleiben oder schon morgen Angela Merkel als Bundeskanzlerin ablösen.

Was nicht geht, ist, dass Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel behält.

Man vergisst in einer Doktorarbeit einfach nicht, Zitate als Zitate zu kennzeichnen. Schon gar nicht, wenn man sieben Jahre darüber brütet. Seine eigenen Meinungen und Erkenntnisse mit anderen Quellen zu unterfüttern, ist schließlich das Wesen einer wissenschaftlichen Arbeit. Und wer in einer Dissertation Gänsefüßchen „vergisst“, gibt anderer Leute Meinungen und Erkenntnisse als seine eigenen aus.

Wenn das vereinzelt vorkommt, ist das ärgerlich aber mit viel gutem Willen eventuell noch entschuldbar. Wenn das in Guttenbergschen Ausmaßen passiert – und sogar schon in der Einleitung, einem Kernstück der Doktorarbeit -, ist es das nicht mehr.

Ich frage mich, woher Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg die Gewissheit nimmt, er könne seinen Doktortitel demnächst wieder tragen und was er der Universität Bayreuth in den nächsten zwei Wochen alles erklären will. Die steht natürlich auch nicht gut da.

Ungefähr so, als wenn jemand in der Fahrprüfung einen Unfall nach dem anderen baut und den Führerschein anschließend trotzdem bekommt, weil er ja „nur“ ständig Gas und Bremse verwechselt hat.

Da Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg vorübergehend auf das Führen des Titels verzichtet, leihe ich ihn mir solange aus.

Viele Grüße!

Dr. Stefan M.

Guttenbergs Doktorarbeit auf Amazon. Zum Teil sehr interessante Rezensionen!

Hübsches Fundstück aus dem Google-Cache: Das Handelsblatt hatte Guttenberg bereits zurückgetreten: „Der unvermeidliche Rücktritt“.

Handelsblatt im Google-Cache
[Klick aufs Bild für eine vergrößerte Darstellung]

Mittlerweile führt die URL ins Leere:

http://www.handelsblatt.com/der-unvermeidliche-ruecktritt/3857510.html

Gerade beim Ollen Osel entdeckt: Der zurückgetretene Handelsblatt-Artikel existiert zumindest noch als Bild.

Guttenberg: „Ich betone: vorübergehend!“

http://www.youtube.com/watch?v=nWlRXM-47MM

Heute Show vom 18.02.2011

http://www.youtube.com/watch?v=PRQaRvyv4B8

15 Gedanken zu „Kommt ein Politiker zum Doktor…“

  1. Weil diese Sache mit Guttenberg wirklich absolut nicht inordnung ist, finde ich es auch durchaus inordnung, dass sich die gesamte deutsche Medienwelt darüber aufregt. Was ich aber ein bisschen schade finde, ist, dass diese Meldung zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem ersten Rang in den Nachrichten steht. Andere Nachrichten-Meldungen, wie beispielsweise die Entwicklung in Ägypten nach dem Sturz Mubaraks, werden unwichtig und nur noch beiläufig an dritter oder vierter Stelle erwähnt.

  2. Das Phänomen nennt sich „Selektive Wahrnehmung“. 🙂 Die 12:00-Uhr-Tagesschau gerade eben war sehr afrikalastig. Dafür wurde der Lügenbaron mit keinem Wort erwähnt.

  3. Ich weiß nicht, ob er wirklich Minister bleiben kann, wenn er den Doktortitel aberkannt bekommt. Immerhin hätte seine Glaubwürdigkeit in diesem Fall ziemlich gelitten.

    P.S.: Das ist jetzt zwar reine Spekulation, aber ich frage mich, wie ihm so etwas passieren kann. Jemand, der eine Dissertation schreibt, wird doch wissen, dass es irgendwann auffliegt, wenn er 120 mal die Gänsefüßchen vergisst. Dazu kommt, dass man das Zitieren eigentlich unmöglich 120 mal vergessen kann, oder? Bei dieser großen Anzahl muss man eigentlich davon ausgehen, dass es willentlich geschehen ist.

    Ich habe das Gefühl da steckt noch mehr dahinter. Stichwort „Ghost-Writer“

  4. Eine wissenschaftliche Null kann doch trotzdem ein prima Politiker sein. Wenn Guttenberg nicht recht schnell mit der Wahrheit rausrückt – am besten heute noch -, kann er sich das Politikersein aber wohl tatsächlich abschminken, das sehe ich auch so.

  5. @Oli: Eine nahmenhafte Dresdner Ghostwriter-Agentur hat sich zu diesem Thema im Radio sinngemäß wie folgt geäußert: „Wenn er seine Arbeit von uns hätte schreiben lassen, wäre ihm das nicht passiert!“ Man legt dort wohl großen Wert auf korrekte Quellenangaben 😉

    Fraglich wäre jetzt, ob er den Doktortitel mit gesetzten Fußnoten nicht auch bekommen hätte… ich vermute doch 😉 Dann kann man eigentlich nur noch sagen: Dumm gelaufen – und clevere Oppositionsarbeit.

  6. Also ich muss sagen, dass mir die Debatte auf den Keks geht. Ich denke, dass man hier darüber diskutieren muss, wieviel Schindluder mit dem Doktortitel in Deutschland an sich getrieben wird. Dass man sich auch einen Doktortitel erkaufen kann. Dass man in der freien Wirtschaft mit Dr.Titel in Deutschland mehr verdient und dass man sich ein Beispiel an den USA in der Hinsicht nehmen sollte. Dann schmälert das nämlich ganz schnell die Wichtigkeit eines Doktortitels, wenn dieser lediglich dem wissenschaftlichen Forschen vorbehalten wäre. Darüber sollte es gehen und nicht die Frage um die Kompetenz Guttenbergs. Auch diese Rücktrittskiste halte ich für übertrieben. Herunterspielen mit „jeder schreibt mal ab“ ist auch verkehrt. Auf beiden Seiten wird das zuuuu extrem hochgespielt.

    Guttenberg soll aus meiner Sicht bleiben. Meinetwegen auch den Dr.Titel abgeben, aber wegen der Sache fordere ich keinen Rücktritt. Dafür ist das alles zu hochgespielt.

  7. @Schreibstoff – recht so! „diese Rücktrittskiste halte ich für übertrieben“ Genau. Erst wenn man kein einziges Komma mehr als seine eigene Leistung mehr nachweisen koennte – und davon sind wir noch drei Seiten weit entfernt! – erst dann sollte man dem Mann ein Ruecktrittsschreiben eines Vorgaengers geben – zum Abschreiben.

  8. Das Gegenteil einer Win-Win-Situation also (aber Lose-Lose-Situation liest sich so blöd): Gibt Guttenberg zu, dass er Mist gemacht hat, muss er nach seinen eigenen hohen Maßstäben an Gorch-Fock-Kapitäne und andere Untertanen, die ja immer auch für ihn selbst gelten, zurücktreten. Behauptet er weiterhin, dass mit seiner Doktorarbeit alles schick wäre, muss er zurückgetreten werden. Die Lösung wäre eventuell eine Sendung mit Kerner, in der alle fragwürdigen Textstellen schonungslos ausdiskutiert werden.

  9. @Feliks Dzerzhinsky
    Ich sehe für mich keinen Zusammenhang zwischen gefakedem Dr.-Titel und Arbeit… ich weiss schon, was der gemeine Zusammenhang ist, aber das ist für mich kein Grund. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Affäre nicht der Grund für den Genickbruch sein wird. Aber wir werden sehen…

  10. Ich kann die Unterstützung die Guttenberg jetzt erfährt einfach nicht nachvollziehen. Der Mann macht auf mich den Eindruck eines Menschen der in seinem Leben einfach nichts selbst macht und ständig Verantwortung delegiert. Der Titel ist ein Türöffner der Kompetenz vorgaukelt. Politiker nutzen das gerne um klüger zu erscheinen als sie vermutlich sein. Die Tatsache, dass Guttenberg da gepfuscht hat ist in meinen Augen Betrug. Der Titel ist nur ein Mittel wenn man nicht ausschließlich Akademiker ist. Das sollte man nicht vergessen.

  11. @Schreibstoff: Unsere Solidaritätskampagne hat ja schon gewirkt – der Mann ist noch im Amt. Durch den Wegfall des Doktortitels werden jetzt auch die Visitenkarten billiger, was den Bundeshaushalt entlastet.
    Um die Debatte mal etwas zu versachlichen, haben wir hier die Diskussionsgrundlagen übersichtlich zusammengetragen:
    Grundlagen wissenschaftlichen Zitierens

  12. „Wichtig ist, was hinten rauskommt.“^1
    Er ist nun wech vom Fenster – „und das ist auch gut so!“^2

    Daß es überhaubt eine Diskussion um einen möglichen Rücktritt bzw. anderer Konsequenzen gab, ist schon ein bezeichnendes Bild. Und diese ‚Er soll bleiben!‘ Kampagnen … einfach nur peinlich. Nun ja, in einer Republik, in der die Menschen heulen, weil ein Eisbär im Zoo gestorben ist, kann man dies wohl erwarten.

    Ich fand seine Auftritte vor der Kamera bezüglich dieser ‚Affaire‘ derart ekelhaft, daß ich dem Ex-Dr. und Lügenbaron kein einziges Wort mehr glauben würde. Was mir bei Politikern generell sowieso schwer fällt.

    Da läßt einer seine Dissertation Ghostwriten, liest sie vermutlich nicht einmal, und ist so dämlich, sich vor die Kameras zu stellen und zu behaupten, das alles ok wäre und er sich einer Verläumdungskampagne ausgesetzt sieht.

    „Ich habe am Wochenende DIESE Arbeit gelesen und handwerkliche Fehler festgestellt.“^3

    Er hätte es anders formulieren sollen: … diese Arbeit zum ersten mal gelesen …

    Weshalb beschäftige ich mich eigentlich mit diesem Scheiß? Ich rege mich so gerne auf – ich sollte auch bloggen! 😀

    p.s.: schöner Hinweis auf Marions Kochbuch. Man sollte denen mal stecken, daß der Lügenbaron auch sie zitiert haben könnnnnte … bei deren Anwälten hat der Baron vermutlich nicht viel zu lachen.

    Zitate von:
    ^1 — Der Dicke
    ^2 — Der Schwule
    ^3 — Aus freiem Gedächtnis zitiert nach Ex-Dr. und wahrer Lügenbaron (etliche Vornamen) zu Guttenberg

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