Steve Hely und Vali Chandrasekaran: Die Wette

Es begann mit der E-Mail einer Marketing-Agentur, ob ich Interesse daran hätte, ein Buch vor seiner offiziellen Veröffentlichung zu lesen. Naja, ich kann mir Spannenderes vorstellen. Zum Beispiel den neuen Porsche 911 vor seiner Premiere 6 Monate lang Probe zu fahren. Trotzdem nahm ich den Mauszeiger vom Junk-Button und schrieb zurück, dass ich mich mit 1000-Seiten-Wälzern sehr schwer täte, vor allen Dingen, wenn mich das Thema nicht interessiert.

Wie sich bereits in der zweiten E-Mail herausstellte, sollte es sich um das Buch The Ridiculous Race von Steve Hely und Vali Chandrasekaran handeln, zwei amerikanischen Fernseh-Autoren, die unter anderem für die Late Show with David Letterman (Hely) und My Name Is Earl (Chandradingenskirchen) schreiben. Beide TV-Shows gucke ich sehr gerne im frisch ausgestrahlten Original, wenn sie mir ab und an mal jemand illegalerweise aus dem Usenet herunterlädt und auf USB-Stick kopiert. Was ich natürlich aufs Schärfste verurteile! Immer wieder.

Die Wette (The Ridiculous Race) von Steve Hely und Vali ChandrasekaranMein Interesse war geweckt, und eine Woche vor dem offiziellen deutschen Erscheinungstermin bekam ich per Postpaket eine über 400 Seiten starke und gefühlte 5 Kilogramm schwere DIN-A4-Schwarte, offenbar eine Kopie der Druckvorlage, inklusive Schnittmarken und sehr viel weißer Fläche um den eigentlichen Text herum. Zum Lesen im Bus äußerst unpraktisch. Zum Glück kam eine Woche später das fertige Buch hinterher.

Steve Hely und Vali Chandrasekaran wetten um eine Flasche sündhaft teuren Scotch, wer es von beiden als erster rund um die Welt schafft, ohne Flugzeuge zu benutzen. Einer linksrum, der andere rechtsrum. Da einer von beiden gleich zu Anfang bescheißt, ist die Spannung schnell raus. Und als Reiseführer taugt das Buch auch nicht. Von London behält Vali zum Beispiel bloß in Erinnerung, „dass die Bürgersteige so aussahen, als könnten sie meinem Kopf ziemlich gefährlich werden“. Saufen, Kiffen und wenig Schlaf fordern halt ihren Tribut.

In kurzen bis sehr kurzen Kapiteln berichten die beiden Mittzwanziger abwechselnd von ihren angeblichen Reise-Erlebnissen. Und das tun sie von peinlich albern über langweilig ernst bis zum Schmunzeln komisch, wobei ich mich insgesamt und überwiegend gut amüsiert habe. Vereinzelte Schwachstellen sind schnell überlesen und schnurstracks befindet man sich bereits in der nächsten Pointe.

Da ich mir die lustigsten Stellen während der Lektüre nicht notiert oder gar markiert habe, hier nur mal eine zufällig aufgeblätterte Stelle aus Die Wette als Leseprobe:

Meistens kann man in Berlin ganz leicht sagen, auf welcher Seite der Mauer man sich gerade befindet. Im Westen sehen die Gebäude alle aus wie wichtige Bibliotheken. Im Osten erinnern sie eher an gigantische Computerprozessoren aus Beton, jedenfalls die etwas weniger hässlichen. Die berühmteste Ostberliner Sehenswürdigkeit überhaupt, der Fernsehturm, sieht aus wie ein Zahnstocher aus Beton mit einer aufgespießten Metallkugel. Einem Freudianer würde es nicht schwerfallen, aus dem Design einen sexuellen Subtext herauszulesen. (Den Nicht-Freudianern sei es hiermit expliziert: Das Ding sieht aus wie ein Penis, der in eine Vagina stößt.) Falls dieser Turm dazu gedacht war, seine gesamte Umgebung unglaublich trist und öde erscheinen zu lassen, dann musste man zugeben, dass es funktionierte. Gleich nebenan gab es das Ristorante Romantica Pizzeria. Es hatte das Flair einer Tankstelle.

(Steve Hely und Vali Chandrasekaran: Die Wette, Seite 203)

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